Donnerstag, 8. November 2012

1 Jahr nach dem "Fast-Suizid" - Und auf einmal...

... habe ich gerade eben, vor nicht mal 15 min, eine Erkenntnis gehabt. Eine sehr fundamentale.
Ich versuche sie zu beschreiben.

Ich habe mir eben, ohne das ich es zielgerichtet wollte, einige ältere Bilder und Videos auf meinem Handy angesehen. Ich bin dabei immer weiter zurück gegangen und habe mich über das ein oder andere amüsiert - bis ich auf die Inhalte gestoßen bin die weniger amüsant waren. Wie sauer ich war auf meinen Exmitbewohner ( alias Troll ). Wie verzweifelt ich war wegen meines Liebeskummers. Wie depressiv ich war wegen allem um mich herum, weil nichts funktionierte. Und das älteste Video das ich mir angesehen habe ist vom September 2011. Also ungefähr ein Jahr her. Und als ich das gesehen habe ist mir etwas bewusst geworden. Mir geht es nicht mehr so schlecht wie damals. Ich kann mir das alles ansehen und dabei lächeln. Nicht weil ich es lustig finde, nein... Sondern weil ich das nicht mehr bin. Weil das abgehakt ist. Zumindest so wie es dort gezeigt wird. Ich habe vor kurzem eine Dokumentation in Auszügen angesehen, da ging es um Schizophrenie und Angststörungen, um Traumata und Depressionen. Und in dieser Doku erzählte ein Psychologe von seinen Techniken die er bei seinen Klienten angewendet hat. Dabei sollten sie immer und immer wieder eine Geschichte vorlesen die sie selbst geschrieben haben, in jeder Sitzung. Ich will da jetzt gar nicht so drauf eingehen, es geht mir nämlich nur um das Resultat.
Diese Menschen haben jedes Mal Angst davor gehabt das alles wieder zu durchleben.
Und diese Angst hat sie so gelähmt das sie in ihrem Alltag dadurch nicht richtig "leben" konnten.
Durch diese Therapie aber haben sie irgendwann, von einem Mal aufs andere bemerkt, dass sie die Geschichte vorlesen, aber sich nicht mehr emotional daran gebunden fühlen.
Um auf den Punkt zu kommen:
Ich habe ein Jahr immer wieder Videomitschnitte von mir gemacht, wie ich mich fühle, was meine Gedanken waren - immer wenn eine sehr starke Schwankung eingetreten ist.
Und ich habe damals damit angefangen, weil ich mir selbst gesagt hatte das es mir vlt. helfen könnte mich zu reflektieren, weil ich mir immer wieder gesagt habe das ich mir selbst helfen muss, das mich niemand versteht, das ich niemanden mehr belasten möchte der das nicht tragen kann.
Und ich weiß wie es mich immer wieder traurig machte mir meine Videos anzusehen.
Jetzt aber habe ich mir das angesehen und dabei eher Gleichgültigkeit verspürt, als würde ich einen Film schauen. Es hat mich schon angesprochen, aber ich habe keine Gedanken daran verschwendet.
Das ist phänomenal. Das heißt, das mein Selbstversuch, der aus mir entsprang, geglückt ist.
Ich fühle mich wie ein Wissenschaftler, dessen Versuch ein Erfolg geworden ist.
Das haut mich um. Ich bin lange noch davon entfernt stabil zu sein, stark zu sein, aber allein die Erkenntnis das es mir nicht mehr so geht wie noch vor einem Jahr... Das ist großartig.
Vor einem Jahr wollte ich mich vor eine Bahn werfen und habe Fenster in zu großer Höhe gemieden.
Jetzt denke ich zwar mal daran, aber ich verspüre seit Monaten nicht mehr diesen "Sog".
Und weil alles so schnell gegangen ist die letzten zwei Monate ist mir der Wandel emotional gar nicht so bewusst geworden. Jetzt, in eben dieser Stunde, da fällt mir auf einmal irgendeine Last von den Schultern. Durch all den Stress der letzten Zeit habe ich nicht bemerkt wie "gut" es mir eigentlich geht. Klar, ich könnte diesen kleinen Moment jetzt damit vermiesen indem ich mir sage "ABER DAS IST DOCH SCHEIßE UND JENES IST BESCHISSEN". Aber das will ich jetzt gar nicht. Morgen werde ich vermutlich wieder darüber nachdenken was mir Bauchschmerzen macht. Jetzt gerade aber ist die Erkenntnis sehr wichtig.
Ok. Ich hab mich grade dabei ertappt wie der Gedanke an meine Geldsorgen und eine noch nicht überwiesene Mahngebühr den Glücksmoment zu killen droht... Aber im Großen und Ganzen weiß ich das es mir besser geht.
Ich bin den Troll los. Und mit meinem besten Freund, den ich sehr liebe, eigentlich ziemlich glücklich als neuen WG Partner. Er beruhigt mich. Klar regt er mich auch mal auf, aber das tue ich bestimmt auch. Aber er ist wunderbar. Er ist einfach da und gibt mir damit unheimlich viel Ruhe und Geborgenheit. Der Müll wird immer runtergebracht. Es ist immer mehr oder weniger sauber. Mein Zimmer. 100 Grad anders. Hell, freundlich. Ich schminke mich wieder jeden Tag weil ich wert darauf lege gepflegt auszusehen. Ich koche häufiger und genieße es wieder etwas selbst gekochtes zu essen, ich sehe es nicht mehr als Zeitverschwendung. Ich habe einen Studienplatz, zwar im Nachrückverfahren und mit viel zusätzlichem Stress, aber ich habe einen. Und auch wenn ich mir immer wieder sage das ich das nicht schaffe und später im Beruf eh versage... Irgendwie... Ist das gut das ich den Platz habe und versuche mich anzustrengen, soweit das meine Macken zulassen. Keine Fliegen mehr. Keine laute Metalmusik oder laut vögelnde Schmarotzer im Nebenzimmer. Liebevoller Umgang miteinander. Meine Katze ist auch ruhiger geworden. Ich schlafe in einem normalen Bett. Es riecht hier angenehm wenn man nach Hause kommt. Ich bin GERN zu Hause. Manchmal kann ichs sogar nicht erwarten nach Hause zu kommen... Vor Monaten noch war ich froh wenn ich woanders schlafen und essen konnte. Jetzt brauche ich das nicht mehr.
Gigantisch. Und das alles nur wegen meinem Handy und weil ich mich ablenken wollte weil ich meine Hausaufgaben nicht kapiert habe und deshalb frustriert war... Ich bin an einem Punkt wo ich mir sagen kann das ich mir selbst geholfen habe. Und das mit Erfolg. Klar hatte ich dabei passive Unterstützung... Aber letzten Endes bin ich diejenige die sich aufgenommen hat, die sich immer wieder selbst reflektiert hat... Und das, so glaube ich zumindest, ist sehr mutig. Obwohl ich dachte ich sei feige. Paradox? Für manche vielleicht. Aber ich, ich kann darüber tatsächlich schmunzeln.

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